Ein Beitrag von Laura Wanger
Vor einigen Monaten ging AI 2027 durch meine Timeline – dieses Gedankenexperiment darüber, wie sich die KI-Entwicklung Jahr für Jahr zuspitzen könnte, bis hin zu einer Superintelligenz. Es war fesselnd, aber auch sehr «Silicon Valley». Jetzt gibt es ein europäisches Gegenstück, und ich muss zugeben: Es hat mich nachdenklicher gemacht als das Original.
Es heisst Europe 2031 und ist hier zu finden: https://europe2031.ai/
Worum es geht
Europe 2031 ist kein klassischer Report, sondern eine Erzählung – fast eine Novelle. Wir folgen zwei erfundenen Figuren: Caroline, einer jungen Beamtin in der EU-Kommission, und Christian, einem deutschen Gründer, der nach San Francisco gezogen ist. Sie chatten über fünf Jahre hinweg, während sich die Welt um sie herum verändert.
Die Geschichte beginnt im Januar 2025 mit DeepSeek R1 und bleibt bis etwa Mitte 2026 erstaunlich nah an realen Ereignissen. Danach beginnt die Spekulation: ein Open-Source-Modell löst eine Ransomware-Welle aus, die USA rationieren Rechenleistung nach Länder-Tiers, europäische Industrien werden aufgekauft, der Euro gerät unter Druck – und 2031 steht Europa zwischen den USA und China, mit ASML (dem Hersteller der entscheidenden Chip-Maschinen) als letztem Faustpfand und drei gleichermassen schlechten Optionen.
Die Kernthese ist unbequem: Europa verschätzt sich gleich dreifach – beim Tempo der KI, beim Ausmass der Veränderung und bei der eigenen Fähigkeit, aufzuholen. Wichtig: Die Autoren betonen selbst, dass dies keine Vorhersage ist, sondern ein in sich schlüssiges, an heutigen Trends ablesbares Szenario. Inspiriert von AI 2027 (Daniel Kokotajlo und das AI Futures Project), aber nicht damit verbunden.
Wer dahintersteht
Das fand ich wichtig zu prüfen, bevor ich mitnehme, was da steht. Geschrieben hat es eine Gruppe von acht Personen, überwiegend aus den Niederlanden und Deutschland, darunter Daan Juijn und Alex Petropoulos (Arq Foundation, ein Brüsseler Think-Tank), Judith Dada (VC-Partnerin, berät die deutsche Regierung), Maximilian Negele und Lily Stelling (Oxford Martin AI Governance Initiative), Philip Fox (KIRA Center, Mitautor des International AI Safety Report), Stan van Baarsen (Mitautor des niederländischen KI-Plans) und Michiel Bakker (MIT / Google DeepMind). Den erzählerischen Feinschliff lieferte der Journalist Tom Chivers.
Zur Einordnung: Alle schreiben in persönlicher Funktion. Finanziert wurde es laut eigenen Angaben grösstenteils in der Freizeit, mit begrenzter Unterstützung der Arq Foundation – ausdrücklich ohne Geld aus der KI-Industrie und ohne Gewinnabsicht. Das spricht für ihre Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig sollte man wissen: Es ist die Brille der Frontier-KI- und AI-Governance-Szene. Eine fundierte, aber eben eine bestimmte Perspektive.
Die wichtigsten Empfehlungen
Am Ende schlagen die Autoren fünf Massnahmen vor:
- Massiv in Compute und die Lieferketten darunter investieren – Energie, Halbleiter, Rechenzentren. Sonderzonen, gezielte Energiepolitik, radikal verkürzte Bewilligungsverfahren. Europa könne das nicht allein, solle aber mit US-Anbietern kooperieren – zu Bedingungen, die die Infrastruktur unter europäischer Jurisdiktion halten.
- Eine Koalition gleichgesinnter mittlerer Mächte bilden – NL, DE, FR zusammen mit Ländern wie Norwegen, UK, Kanada, Japan, Südkorea. Jeder hält ein Stück Hebel (Talent, Compute, Engpässe in der Lieferkette); gemeinsam ergibt das echte Verhandlungsmacht und potenziell eine Vermittlerrolle zwischen den USA und China.
- Den Arbeitsmarkt für KI-Adaption reformieren – nach dänischem «Flexicurity»-Modell: Firmen dürfen sich schneller anpassen, Beschäftigte werden über Umschulung und Einkommenssicherung aufgefangen, statt Jobs unverändert zu konservieren.
- Europäische Stärken in Robotik und industrieller KI ausbauen – bei LLMs sei der Zug wohl abgefahren, bei der physischen KI-Revolution nicht. Dafür brauche es Investitionsprüfung, geöffnete Industriedaten und tragfähige Partnerschaften.
- Eine positive Vision anbieten – eine reine Verlust-Erzählung trägt die Reformen nicht. Menschen absorbieren keine Jahre der Disruption, nur um etwas abstrakt Schlimmeres zu vermeiden. Europa brauche dringend ein Bild davon, wie das gute Szenario aussieht.
Was ich kritisch sehe
So eindringlich die Geschichte ist – zwei Dinge würde ich einordnen, und an einer Stelle gehe ich sogar weiter als die Autoren.
Zur Methode: Es ist ein bewusst dramatisiertes Szenario, keine Prognose – die Autoren räumen selbst ein, manches dürften sie falsch eingeschätzt haben. Und der ganze Bogen steht und fällt mit der Annahme, dass der Fähigkeitssprung in diesem Tempo weitergeht. Flacht die Kurve ab, sieht vieles anders aus. (Dass die Silicon-Valley-Seite in der Sache bislang meist richtig lag und nicht die europäischen Skeptiker, spricht für mich allerdings eher für das Szenario als dagegen.)
Inhaltlich setze ich an einer anderen Stelle an als der vorsichtige Brüsseler Reflex. Klar braucht Europa auch eigene, konkurrenzfähige Modelle – da gebe ich dem Szenario recht. Nur scheitert das nicht am Wollen, sondern am Kapital. Wer sieht, wie europäische Finanzierungsrunden im Szenario um ein Vielfaches – teils über hundertfach – kleiner ausfallen als die amerikanischen, erkennt das eigentliche Problem: Spitzenmodelle kosten Milliarden, und dieses Geld muss aus privatem Kapital kommen, nicht aus dünnen öffentlichen Töpfen und Subventionen. In den USA stemmen das vor allem Tech-Konzerne (Microsoft, Amazon, Google, Nvidia) und Grossfonds – privat, nicht staatlich subventioniert. Solche Anker fehlen Europa, was es nicht einfacher macht: Solange wir Souveränität mit Staatsgeld und Vorschriften statt mit privatem Wachstumskapital buchstabieren, bauen wir bestenfalls einen subventionierten Nachzügler.
Parallel dazu zählt die Wertschöpfungskette. Bis eigene Modelle wirklich tragen, sollten wir die besten verfügbaren nutzen und Souveränität dort holen, wo Europa schon heute gewinnen kann: bei Anwendung, Integration und Geschäftsmodellen – und mit gezielten Aufträgen an lokale Anbieter, die echte Lösungen auf der Frontier bauen. So bleibt ein Teil des KI-Erfolgs finanziell hier statt nur in Kalifornien.
Weniger reflexhafte Regulierung und mehr Tempo sind für mich kein Verrat an europäischen Werten, sondern die Voraussetzung, sie überhaupt verteidigen zu können.
Der Liechtenstein-Gedanke
Und wir? Das Szenario denkt in EU-27, und die grossen Hebel (Compute, Halbleiter) liegen ausserhalb unserer Reichweite. Unser möglicher Vorteil ist ein anderer: Tempo. Wo ein Apparat mit 27 Mitgliedern im Konsens versinkt, kann ein Kleinstaat vorangehen.
Die KI-Strategie der Landesverwaltung (April 2026) ist ein gutes Signal – sie stellt die Befähigung der Mitarbeitenden nach vorn, genau dort, wo Europe 2031 das grösste Versäumnis sieht. Aber Papier ist geduldig. Eine verabschiedete Strategie ist noch keine Veränderung. Wenn Tempo unser einziger echter Standortvorteil ist, müssen wir ihn auch ausspielen – Gas geben statt verwalten.
Die unbequemste Lektion
Am stärksten ist der Epilog von 2034.
Im Rückblick liefert die Erzählung die saubere, strukturelle Erklärung: keine Schuldigen, nur falsch gesetzte Anreize, ein Systemversagen. Doch die Autoren lassen diese bequeme Deutung nicht stehen. Ihre eigentliche These ist unbequemer – es brauche nicht bessere Anreize, sondern Mut: die Bereitschaft, das Richtige zu tun, auch wenn es die eigene Karriere kosten könnte. Das politische Umfeld sei nämlich nie «bereit».
Lesezeit ist überschaubar (rund eine halbe Stunde), und es gibt sogar eine vertonte Version. Ich empfehle es – nicht, weil ich jede Prognose teile, sondern weil es eine Diskussion auslöst, die wir hier viel zu selten führen: https://europe2031.ai/